Gipfelstürmer und Routenschrauber

Seit März 2017 gibt es mit den EnergieWänden in Weimar eine moderne Kletterhalle, die als Landesleistungszentrum des Deutschen Alpenvereins fungiert. Damit haben sich auch die Bedingungen für die ehrenamtliche Nachwuchsarbeit im hiesigen Klettersport deutlich verbessert. Die ersten Erfolge werden sichtbar. Als Pate für mehrere Kletterrouten interessiert uns diese Entwicklung umso mehr. Das Nachwuchstalent Lara hat die Route „Gipfelstürmer“ für uns getestet und danach von ihrer Kletter-Leidenschaft erzählt.

Robert: Lara, obwohl Du erst seit 18 Monaten kletterst, ist eine 7- wahrscheinlich keine große Herausforderung für Dich?
Lara: Nein, aber trotzdem finde ich die Route interessant, weil sie Bewegungen verlangt, die man selbst in schwereren Routen oft nicht hat – wo ich mich richtig strecken und drehen muss. Die Route gehört zu meinen absoluten Lieblingen in dem Schwierigkeitsgrad!

Robert: Findest Du die Bewertung 7- realistisch?
Lara: Ich hätte eine glatte 7 vergeben. Für mich war es etwas schwerer, weil ich mit 160cm klein bin. Dazu ist die Route durchgehend überhängend und hat viele große Sloper. Da finde ich mit meinen kleinen Händen schwerer Halt als andere. Deswegen mag ich Sloper nicht so. Was ich mehr mag, sind Leisten, bei denen man nur mit der Fingerspitze Halt hat.

Robert: Bis zu welchem Schwierigkeitsgrad kletterst Du überhaupt?
Lara: Meine schwerste Route war bisher eine 9-. Meine Projekte haben meistens die Schwierigkeit 8+.

Robert: Was gibt dir das Klettern, was macht dir daran Spaß?
Lara: Wenn ich lange an einer Route gearbeitet habe, sie dann endlich schaffe und mich dabei aus meiner Komfort-Zone herausbewegt habe, dann habe ich wirklich ein Ziel erreicht. Das finde ich toll am Klettern.

Robert: Welche Spielarten im Wettkampfklettern sind dir am liebsten?
Lara: Definitiv Lead. Es gibt aber Phasen, in denen ich lieber Bouldern gehe. Das hängt auch davon ab, welche Wettkämpfe anstehen. Speed ist die größte Herausforderung für mich, weil es eine große Umstellung bedeutet. Dabei technisch sauber zu klettern, fällt mir noch schwer, wenn ich mich aufs Bouldern oder Lead konzentriere. Ich muss das mehr trainieren. Da Speed eine Disziplin im Olympischen Dreikampf ist, spielt es jetzt auch bei kleineren Wettbewerben eine Rolle.

Robert: Welche Ziele willst Du beim Klettern erreichen?
Lara: Bei Tambach-Dietharz gibt es das Hülloch, vielleicht das längste Dach Deutschlands. Da quert eine Route, die im 9er Bereich liegen müsste. Das will ich dieses Jahr noch schaffen. Außerdem will ich bis Ende dieses Jahres in den Bereich 8+ bis 9- kommen, ohne dass ich Wochen für eine Route brauche, bis ich sie durchsteigen kann.

Robert: Hast Du Vorbilder beim Klettern?
Lara: Sogar eine ganze Menge. Aus dem deutschen Nationalkader natürlich Alma Bestvater, die ja aus Weimar kommt. Hannah Meul motiviert mich immer sehr, weil sie so stark dabei ist, obwohl sie noch sehr jung ist. Dann international Sasha DiGiulian, die jetzt am Fels sehr stark klettert, und Brooke Raboutou, die amtierende Jugend-A-Weltmeisterin im Lead.

Max hat die Route „Gipfelstürmer“ geschraubt und erzählte uns etwas über den Bau von Kletterrouten. Er arbeitet freiberuflich als Steinmetz und Musik-Clown und ist natürlich selbst begeisterter Kletterer.

Robert: Du hast ja die Route gebaut; welcher Zeitaufwand steckt dahinter?
Max: Da ich das nicht so oft mache, ca. 3,5 Stunden. Sonst sollte das ca. 2,5 Stunden dauern.

Robert: Wenn Du eine Route schrauben willst, wie gehst Du an die Sache heran?
Max: In der Regel habe ich kein fertiges Konzept. Meistens entwickelt sich das beim Schrauben. Manchmal schraube ich nach Optik und probiere dann, wie es sich klettern lässt. Manchmal habe ich eine Idee für eine Sequenz, die ich in die Route einbauen will. Wenn ich will, dass eine Route dynamisch wird, baue ich beispielsweise einen Sprung ein. Und im Wesentlichen schraube ich Züge, die ich selber gerne klettere.

Robert: Angenommen, du hast das Ziel, einen bestimmten Schwierigkeitsgrad zu schrauben – wie stellst Du das sicher?
Max: Man hat nur die Möglichkeit, das anhand seines eigenen Kletterkönnens zu bewerten. Bei mir ist das vielleicht schon sehr speziell, denn ich klettere fast jeden Zug schon beim Schrauben. Da merke ich, ob es passt. Andere schrauben zuerst alle Griffe in die Wand und schauen hinterher, ob es funktioniert.

Robert: Freust Du dich über Feedback von Kletterern?
Max: Ja, natürlich. Ich gehe auch selbst hin und frage. Oder schaue gerne zu, wie andere Leute das klettern und freue mich, wenn jemand noch eine andere Lösung findet. Aber natürlich fühlt man sich als Schrauber eher bestätigt, wenn die Leute so klettern, wie man sich es gedacht hat.

Schwierigkeitsgrade nach der Skala der UIAA

Als grobe Orientierung für die Schwierigkeitsgrade:

3-5         Anfänger
6-7         Fortgeschrittene
8-9         sehr gute Kletterer
>9          Spitzenkletterer

Glossar

Bouldern
Klettern ohne Seilsicherung auf Absprunghöhe

Dach
Überhang mit horizontaler Neigung

Lead
Klettern mit Seilsicherung im Vorstieg

Leiste
Klettergriff in Form eines Absatzes, bei dem nur mit den Fingerkuppen
gegriffen wird.

Olympischer Dreikampf
Wettkampfformat, bei dem die Disziplinen Lead, Bouldern und Speed in eine Gesamtwertung eingehen. Erstmals 2020 in Tokio olympische Disziplin.

Projekt

Route, die der Kletterer sich noch erarbeitet – mit dem Ziel, sie zum Abschluss
ohne Rasten in Zwischensicherungen zu klettern.

Sloper
Klettergriff mit flacher gewölbter Form, der nur durch die Reibung mit der Hand Halt gibt.

Speed
Wettkampfdisziplin, bei der zwei Starter parallel an genormten Routen zum Ausstieg sprinten.

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